Alf und die Kautze
1
Der Feldweg ist schmal und schmutzig, gesprenkelt mit Pfützen und bedeckt von nassem Laub. Er windet sich wie eine müde Schlange durch das Tal. Links und rechts steigen die Berge steil in den Himmel, dunkel und gewaltig. Einige wenige Bäume säumen den Weg, gerade genug, um ihn wie eine kleine, verlorene Allee erscheinen zu lassen. Mehr nicht. Am Ende wartet das Meer.
Dort brechen die Wellen am Strand, unermüdlich, schwer. Am linken Horizont hebt sich die Sonne langsam aus dem Wasser, als würde sie sich aus einer anderen Welt befreien. Der Himmel brennt in Farben, die kaum zu begreifen sind: Gelb im Kern der glühenden Sonne, dann Orange, Rot, Lila und ein tiefes Blau, das alles umschließt. Zarte Wolken treiben durch dieses Farbenmeer. Ein Bild, so mächtig, dass es beinahe schmerzt, es anzusehen.
Ich gehe mit meinem Rucksack und ziehe den Bollerwagen hinter mir her. Er ist vollgeladen mit Utensilien, die leise gegeneinander klirren. Mein Blick hebt sich immer wieder zum Himmel, und jedes Mal durchströmt mich ein stilles Glück über diese Farben. Je näher ich dem Meer komme, desto lauter wird sein Atem.
Heute ist es anders. Lebendiger. Wilder. Die Wellen schlagen härter, ihr Donner klingt wie eine Warnung. Selbst das Salz in der Luft schmeckt schärfer. Als wollte das Meer mich abweisen. Als wollte es mich prüfen.
Der Feldweg endet abrupt. Der Wagen hüpft über die Steine des Strandes, lärmt und ruckt in meinen Händen. Ich ziehe ihn noch ein paar Meter weiter, dann lasse ich den Griff los. Mein Rucksack fällt neben die Steine. Sorgfältig breite ich die Utensilien aus und lege sie ordentlich nebeneinander. Ich betrachte alles ein letztes Mal. Dann beginne ich, mich auszuziehen.
Der Neoprenanzug schmiegt sich kalt an meine Haut. Maske. Helm. Darüber der schwere Anzug, hart und erdrückend. Zwei Sauerstoffflaschen auf meinem Rücken. Ein Gerät zwischen ihnen, ein weiteres auf meinem Bauch. Ich schalte es ein. Ein Blinken. Ein Summen, laut und gleichmäßig.
Ich richte mich zum Meer aus, doch mein Blick wandert noch einmal zurück ins Tal.
Dort stehen sie.
Menschen. Unzählige. Meine Menschen.
Hubschrauber kreisen über ihnen. Kameras sind auf mich gerichtet, Leinwände aufgebaut. Reporter hängen aus offenen Türen, Mikrofone im Wind. Hinter dem Tal steigt Rauch auf. Über hunderttausend Augen ruhen auf mir.
Ich bin ihre letzte Hoffnung. Der Einzige, der weiß, wo es ist. Der Einzige, der es holen kann. Sie haben mir ihr Vertrauen gegeben. Ich bin der Auserwählte.
Das Meer antwortet mit einem Aufschrei.
Ich drehe mich um und gehe hinein. Das Wasser ist eisig.
Die Wellen wachsen. Sie schlagen gegen mich, drücken mich zurück, stemmen sich gegen jeden Schritt. Ich kämpfe mich vorwärts. Schritt für Schritt. Tiefer. Bei jeder Welle verliere ich den Boden, schwimme, werde getragen — und zurückgeworfen. Ich komme kaum voran.
Ich beschleunige. Stoße mich ab. Springe.
Die Welle trifft mich wie eine Wand. Wasser schießt in meinen Mund, ich huste, würge, verliere die Orientierung. Auf allen Vieren werde ich zurück an den Strand gespült.
Jubel brandet auf. Stimmen rufen meinen Namen.
Ich richte mich auf. Atme. Gehe in eine Sprinterhaltung.
Dann renne ich.
Ich springe über die kleinen Wellen, über die größeren, bis ich mit einem letzten Stoß in die Höchste eintauche. Sie bricht über mir zusammen, tosend, zerreißt in tausend schimmernde Tropfen. Ich ziehe meine Arme nach hinten, tauche tief, bewege mich wellenförmig durch das Wasser. Das Donnern über mir wird leiser. Nur noch mein Atem bleibt, ein rhythmisches Blubbern.
Der Druck wächst. Ich schlucke, gleiche ihn aus, ziehe mich tiefer. Immer tiefer. Bis mein Körper nachgibt.
Ich halte an. Öffne einen Reißverschluss, hole die Taucherbrille hervor, setze das Atemgerät ein. Mit einem geübten Griff fülle ich die Brille mit Sauerstoff. Stille.
Dann tauche ich weiter.
Noch ein paar Meter. Vor mir öffnet sich eine harte Kante. Dahinter fällt die Welt senkrecht ab. Ich tippe einen Code auf das Gerät an meiner Brust. Der zweite Anzug erwacht zum Leben. Eine kleine Wasseraufspaltungsmaschine beginnt zu arbeiten. Elektrolyse zerlegt das Meer um mich herum in Wasserstoff und Sauerstoff. Der Sauerstoff wird in Luft umgewandelt und gespeichert. Der Anzug, zu zwei Dritteln aus Akkumulatoren gebaut, sammelt Energie aus Druck und Bewegung. Selbst meine Schritte speisen ihn. Der Wasserstoff wandert in die zweite Flasche, treibt eine Brennstoffzelle an, deren Wärme meinen Körper umhüllt.
Ein System, erschaffen von den besten Wissenschaftlern, die noch übrig sind.
Ich blicke hinauf. Die Oberfläche liegt fern und ruhig. Eine silbrig schimmernde Schicht trennt mich vom Himmel. Dahinter leuchtet die Sonne. Für einen Moment halte ich inne.
Dann wende ich mich endgültig der Tiefe zu.
Je weiter ich sinke, desto dichter wird die Dunkelheit. Ich aktiviere die Lampen meiner Brille. Hartes LED-Licht schneidet ins Wasser, doch es reicht kaum aus. Kleine Krebse huschen vorbei, vereinzelte Fische verschwinden im Schwarz. Keine Korallen. Keine Wälder aus Pflanzen. Das Meer wirkt leer.
Der Druck nimmt zu. Ich schlucke, zwinge meinen Körper zur Anpassung.
Zu viel ist geschehen.
Damals, als alles begann. Damals, als wir noch lachten und dachten, es sei ein Scherz. Niemand wollte glauben, dass es real ist.
Wir haben uns geirrt.
Und jetzt tauche ich allein in das, was davon übrig ist.
2
Vor 3 Jahren begann der Krieg der Krane.
Alles fing mit dem Kran an, der einen herben Verlust hinnehmen musste. Denn er war bei seinem ersten Hausbau dabei – vom ersten bis zum letzten Stein. Es war seine große Liebe.
Eines Nachts, als der Kran schlief, wurde er weggebracht. An einer anderen Baustelle. Und als der Kran morgens erwachte, war sein Lieblingshaus verschwunden. Er war sehr traurig, wusste nicht mehr, wohin mit seinen Gefühlen – und war nun leicht zu erobern.
Da kam es der alten Seele des Drachen recht, dass der Kran auf einem alten, sehr alten Friedhof stand. Ein uralter Friedhof. Nicht von Menschen, sondern von Drachen. Und dort kam es zu der „Hochzeit“ – zur Vereinigung der Seele des Drachen mit der Stärke des Krans.
Der Drache, der einst durch die Menschen den Tod fand, schwor Rache. Rache dafür, dass die Menschen zuvor schon seine komplette Familie ausgelöscht hatten. Er war der Letzte seiner Art. Der Einzige. Nur noch ein Drache – dem wahrhaftigen Tod schon vor Augen.
Er wurde überrascht. Die Menschen kamen nachts. Er hatte keine Chance.
Dann kroch er langsam und geduldig in das kalte Gehäuse des Krans. Durch kalten Stahl, über Streben, bis ganz nach oben in das Cockpit. Seine Schnauze ganz nach vorne, in den Arm des Krans. Der Kran – seine Seele – und die Seele des Drachen vereinten sich, und zusammen spürten sie die Kraft.
Sie erhoben sich ein Stück weit vom Boden, und der gelbe Kran veränderte seine Farbe. Ein dunkles Leuchten pulsierte in dem nun warmen Stahl. Das dunkle Leuchten wurde heller – ein warmes, gelbes, dann glühend rotes Licht durchzog den Kran. Mit einem lauten Knall fiel er zurück auf den harten Boden. Dann war es vollbracht. Sie waren eins.
Dann ging es los. Ohne Pause. Ohne Rat. Ohne Plausch. Denn sie waren eins.
Sie zermalmten das neue Haus. Schlugen mit dem Arm, und Feuer flog aus dem Cockpit. In Sekunden war alles zerstört. Dann erhoben sie sich und gingen – auf die Suche nach den anderen
Kranen.
Am Rande von Frankfurt am Main einen Kran zu finden, war nicht schwer. Schnell wurden viele Krane entdeckt. Und schnell wurden sie mit der Magie des Drachen verwandelt – in ebenso böse, feuerspeiende Ungeheuer.
Das alles geschah in der ersten Nacht. Etwa zehn Krane wurden verwandelt.
Am Morgen, als die Menschen auf die Baustellen kamen, fanden sie eine totale Verwüstung vor. Alles zerstört. Kein Stein stand mehr auf dem anderen.
Der Polier, mit dem Helm in der Hand und fragend umherschauend, war das erste Opfer.
Aus dem Nichts, wie von Geisterhand, wurde ihm der Kopf abgerissen.
Der Anführer war es – der Drachenkran. Er versteckte sich, zusammengeklappt, hinter den Trümmern und ließ die Kette am vorderen Armende mit einer kreisenden Bewegung über den Bauplatz schleudern. Alle anderen Bauarbeiter verfielen in Panik und versuchten zu fliehen.
Doch der Drachenkran erhob sich aus seinem Versteck, baute sich vor den Arbeitern auf und sprach seine ersten Worte:
„Haaaalt! "Wooooo woooollt iiiiihr hiiiiin?"“
sprach er mit einer sehr tiefen und zugleich beruhigenden Stimme. Er sprach sehr langsam und zog dabei die Umlaute extrem in die Länge.
„Iiiiich biiiiin Hoooooooorst. Iiiiiiiich weeeeeeeerdeeeeee eeeeeuuuuuuuuch aaaaaalleeeeee töööööteeeeen!“
Die Arbeiter versuchten, während dieser langen Ansprache – die tatsächlich zwei Minuten dauerte – zu fliehen. Doch aus dem nahegelegenen Wald kamen die anderen Krane hervor und hinderten sie daran.
Und so begann der Krieg zwischen den Kranen und der Menschheit.
Viele Menschen verloren den Kampf. Straßenschlachten dominierten die Stadt. Hochhäuser waren zerstört und Brücken vernichtet. Wichtige Zugangs Straßen wurden gesperrt.
Die Armee versuchte mit schwerem Geschütz, die Krane zu beseitigen – sie daran zu hindern, weiter vorzurücken. Kampfjets ließen Bomben fallen, Salven schwerer Munition wurden eingesetzt. Doch es half nicht viel. Aus irgendeinem Grund konnten die Waffen nichts ausrichten. Kaum Siege waren zu verzeichnen.
Selbst der Versuch, tiefe Gräben zu bauen, damit die Krane hinein fielen, scheiterte – sie flogen einfach darüber.
So blieb nur eine Route: Weg.
Weg von den Kranen. Weg von den Metropolen.
3
Ich ziehe mich tiefer und tiefer ins Meer und suche nach der Höhle. Vor meinen Augen dominiert immer noch die Dunkelheit. Ein paar größere Fische kommen mir zwar ab und an entgegen, aber auch nicht mehr. Tiefer und dunkler. Immer weiter. Dann sehe ich im Augenwinkel eine Bewegung. Ich schaue nach links und schaue ehrfürchtig in das große, geöffnete Maul eines Haifisches. Aber er hat es nicht auf mich abgesehen, sondern zieht schnell an mir vorbei und beißt dann in das knorpelige Fleisch der Riesenkrake, die sich rechts von mir befindet. Ein heftiger Kampf. Und ich mittendrin. Ich mache, dass ich Land gewinne, und ziehe mich weiter tiefer ins Meer.
Da es in der Tiefe des Meeres so still und einsam ist, mache ich mir etwas Musik an. Es läuft Abba. Im Rhythmus der Musik, im Feeling der Glückseligkeit, schwimme und tauche ich angenehm hinab. Dann ist sie da. Der Eingang zur Höhle. Nicht groß, fast unscheinbar, aber trotzdem gut zu erkennen. Ich steuere direkt darauf zu und schalte die Musik wieder aus. Der Eingang kommt näher. Ich schaue hinein. Ein kleiner runder Tunnel ist schemenhaft zu erkennen. Von Menschenhand gebaut. Oder von einem anderen früheren Wesen. Ich bleibe stehen, schaue mich vorher noch einmal um und vergewissere mich, dass ich alleine bin, und tauche dann hinein. Ein langer Tunnel, aus vielen rechteckigen Steinen gebaut. Das Wasser darin erscheint leicht milchig. Angestrahlt von meiner Lampe. Der Sauerstoff sammelt sich oben im Schacht. Keine Spur von Leben. Keine Fische. Kein Geräusch. Kein Echo. Nichts.
Ich ziehe mich weiter durch den Tunnel. Immer und immer weiter. Dann da! Ein kleines Licht. Ein Ziel? Ist es gleich geschafft? Ich ziehe meine Arme nach hinten und lasse sie nach vorne gleiten. Mein Beinschlag schiebt mich nach vorne. Auf das Licht zu. Es nimmt Formen an. Es sind mehrere Lichter. Rote, grüne, gelbe. Eine Kuppel. Eine Oase. Eine Grotte. Ich ziehe. Noch dreimal, zweimal, einmal. Ich tauche leicht nach oben und durchbreche mit meinem Kopf die Schwelle zwischen Wasser und Luft. Vor mir ein riesiger Raum. Gold an der Decke. Rubine und Diamanten darin verbaut. Alles funkelt mich an.
Es funkelt. Es glitzert überall. Taler, Groschen, Silber und Gold. Barren, Tafeln, Schüsseln, Schalen, Münzen, Besteck. Alles da, was das Herz begehrt. Alles zum Greifen nahe. Ein richtig großer Schatz. Die Hälfte des Schatzes liegt im Wasser. Die andere Hälfte verteilt sich im Raum. An den Wänden und der Decke. Und in der Mitte ein großer Spiegel. Dazu ein Prisma. Aus einem Loch in der Decke fällt ein Lichtstrahl. Der fällt auf den Spiegel, und der Spiegel ist zum Prisma ausgerichtet. Der verteilt das Licht in alle Richtungen. In der Halle, in der Grotte mit dem großen, mit dem riesigen Schatz. Ich bin geblendet. Ich kann meine Gefühle kaum unterdrücken. Unbändige Glücksgefühle steigen in mir empor. Eine Welle nach der anderen. Ich schaue alles an. Ich berühre das Gold. Ich bin glücklich. Unfassbar glücklich. Möchte alles mitnehmen. Einpacken und mit nach Hause nehmen. Doch ich muss mich zügeln. Denn ich bin nicht wegen des Schatzes hier. Ich muss in den nächsten Raum. Ich muss eine Truhe suchen. Darin ist der wahre Schatz verborgen. Der Schatz des Lebens. Der Schatz für den Fortbestand der Menschheit.
Ich durchquere vorsichtig den Raum und achte darauf, dass ich nichts zerstöre. Ich gehe durch eine Tür. Vor mir der nächste Raum. Genauso wie vorher. Alles voller Gold. Ein unzähliger Reichtum. Ich gehe hinein. Vor mir kein freier Weg mehr. Ich laufe über Goldmünzen. Es tut weh. Es klimpert. Vor mir eine kleine Truhe. Ich gehe hin. Mache sie auf. Perlen. Ketten. Nicht das, was ich suche. Noch eine Truhe. Ich gehe hin. Über Gold und Schmuck zu laufen, tut echt weh. Ich verziehe schmerzerfüllt mein Gesicht. Die Truhe ist größer. Ich will sie öffnen. Zu. Finde einen Schlüssel. Passt nicht. Unter der Truhe noch ein Schlüssel. Ich schiebe ihn rein. Drehe um. Ein Knacken. Der Deckel springt auf. Ich schaue hinein.
Und sehe einen weiteren Schatz. Aber irgendwas ist anders. Etwas in meinem Kopf sagt: Halt. Ich rieche auch etwas. Einen Duft, so süß und fein. Verlockend. Ich untersuche den Schatz und sehe einen Schlitz an der Seite. Ein doppelter Boden. Ich hole eine Gabel und ein Messer und stochere an der Seite herum. Dann habe ich irgendwas gelöst, und ich hebele den Schatz aus der Truhe. Ich bin verblüfft, als ich auf die zwei Dinge schaue, die sich jetzt mir offenbaren. Mein Magen freut sich. Ich hole die zwei Dinge heraus und stelle sie auf einen goldenen Teller. Das Besteck behalte ich direkt in der Hand. Obwohl… Ich schaue mich um und suche… ahh da! Ich strecke mich zur Seite und fische einen Silberlöffel aus dem Schatz. Dann tauche ich ihn in das Gulasch und schiebe es mir in den Mund. Herrlich, dieser Geschmack. Ein süßer und zugleich deftig-herber Geschmack verteilt sich in meinem Mundraum, und ich lehne mich genüsslich an eine Statue von Alexander dem Großen. Ich kaue. Ich schmecke. Das Mundgefühl ist erhebend. Wow, was ein toller Geschmack. Das Fleisch nicht zuzuordnen. Deshalb schaue ich nochmal in die Truhe und finde tatsächlich eine Zeichnung, die sich unterhalb des Gulasch-Tellers befindet. Darauf abgebildet ein Tier. Welches ich noch nie gesehen habe. Es sieht aber so ähnlich aus wie eine Mischung aus Giraffe und Tiger. Auch das Fell ist abgebildet. Ein gold-gelb schimmerndes Fell mit schwarzen Punkten und Strichen darauf. Auch ein Name steht oben drüber. Kautze. Ich nehme noch einen Löffel und freue mich. Warm ist es sogar auch noch. Wie das alles sein kann, ist mir zu diesem Zeitpunkt egal.
Ich widme mich dem zweiten Gefäß zu. Ein goldener Kelch. Darin eine gelbe Flüssigkeit. Ich rieche daran, stecke einen Finger rein und koste davon. Riechen tut es nach Eierpunsch. Schmecken tut es nach Marzipan und Holunder. Auch hier ist eine Zeichnung vorhanden. Ein Möckel. Eine Mischung aus Huhn und Krokodil. Ich trinke den Kelch aus und schlafe ein.
4
Ich falle in einen tiefen Schlaf. Ausgelöst durch ein Mittel im Essen. Ich schlafe. Alles ist schwarz. Dann ein Blitzen. Ein Geräusch. In mir drinnen. Nicht im Raum der Schätze. Ein Fauchen. Es wird heller. Ich schwebe. Im leeren Raum. Dann ein Himmel. Bäume. Palmen. Ein braunes Tier huscht am Horizont vorbei. Der Boden wird sichtbar.
Ich sitze auf einem Baumstumpf.
Katzen umwandern meine Beine. Schmiegen sich an mich. Schnurren und schauen mich mit liebevollen Augen an. Ich hebe den Blick. Ein schmaler Weg liegt vor mir. Er schlängelt sich durch den Wald. Der Himmel ist blau. Die Luftfeuchtigkeit ist drückend hoch. Ich schwitze. Schaue an mir herunter. Ziehe genervt meine Schneestiefel und meinen Schneeanzug aus. Bis zur Unterwä… — Ich trage eine Badehose.
Ich stehe auf dem Weg. Laufe. Versuche mich zu orientieren.
Ein tiefes Brummen und Heulen zerreißt die Luft. Ich drehe mich um. Bäume knicken um. Etwas gewaltiges Großes kommt auf mich zu. Ich renne. Renne um mein Leben. Dann endet der Wald abrupt. Vor mir eine Klippe. Ich bremse. Komme ins Schleudern. Lass mich fallen. Rutsche. Über die Kante. Einen schlammigen Pfad hinab. Schnell. Zu schnell. Dicke Blätter schlagen mir ins Gesicht.
Ich schreie. Ich lache.
Es fühlt sich an wie eine Sommerrodelbahn. Über mir schießt ein Vogel vorbei, stürzt hinab und schnappt nach mir. Ich zucke zurück. Presse mich flach in die schlammige Bahn. Schließe die Augen.
Stille.
Ich öffne sie wieder.
Ich sitze auf einem Stuhl. Gefesselt an Händen und Beinen. In einer Holzhütte. Eine Schwingtür geht auf. Ein kleiner, brauner, zotteliger Zwerg tritt heraus. Ich erkenne ihn sofort.
Es ist Alf.
„Was zum Teufel?“, sage ich. Ich lache. Ich bin verwirrt.
„Hallo. Du hast das Portal gefunden. Du bist jetzt hier zum Lernen. Und wirst ein Master der Ruhe und der Kraft. Du lernst die Schnelligkeit des Tigers und die Größe der Giraffe. Das Kontrollieren des Eis und die Stärke des Krokodils.“
Ich schaue ihn an. Er lacht.
„No problemo!“
Nachdem Alf mir erklärt, dass ich mich nicht mehr in der Grotte befinde, weil die Nahrung mich durch ein Portal gezogen habe, das in meinem Inneren liegt, und ich mich nun in einer umgekehrten Form existiere, entfesselt er mich vom Stuhl. Zwischenzeitlich bietet er mir viermal eine Katze an. Ich lehne ab. Auf der Erde, in meinem Fall in Deutschland, darf man keine Katzen essen. Haustiere nicht. Nutztiere schon eher. Ich will gerade mit einer Erklärung zur Agrarpolitik beginnen, da unterbricht er mich.
„Die Schweine im Weltraum beobachten uns! "Schnell, geh rein und setz dich unter den Weihnachtsbaum!"“
Ich gehorche. Gehe hinein und setze mich unter einen Nadelbaum ohne Nadeln. Darunter liegen viele ungeöffnete Geschenke. Kleine Aufkleber tragen Namen: Bryan. Lynn. Und andere. Ich nehme eines in die Hand. Da ruft Alf von draußen. Ich stehe auf, lege es zurück und gehe hinaus.
Die Terrasse ist verschwunden.
„Wie kann das sein?“, frage ich mit tiefer, rauchiger Stimme.
„Wir sind hier auf Melmac. Andere Gesetze. Eine zusätzliche Dimension. 4D."
Ich zucke zusammen. „Zeit und Ort. Das würde bedeuten, dass—“
„Papperlapapp“, unterbricht er. „Wir müssen trainieren. "Augen zu.“
Ich schließe die Augen. Höre nichts. Spüre nichts. Alf flüstert direkt an meinem Ohr. Ich öffne die Augen. Er steht auf der anderen Seite einer Arena und winkt. Seine Stimme bleibt an meinem Ohr.
„Nun kämpfe!“
Urplötzlich erscheint ein gewaltiges Tier in der Mitte. Langer Hals. Muskulöser Körper. Ich erkenne es sofort.
Eine Kautze.
Mutig — und theoretisch kampferfahren durch Rocky und Rambo — stürme ich los. Wie bei Braveheart. Ich setze den ersten Schlag. Die Kautze kontert mühelos und wirft mich zu Boden. Ich springe wieder auf, versuche, hinter sie zu kommen, doch sie dreht sich perfekt mit. Ich wechsle die Richtung. Zu spät. Ihr Kopf rammt mir die Magengrube. Ich taumle rückwärts und lande wieder im Staub.
Ich bleibe sitzen. Schließe die Augen. Denke in 4D. Stelle mir vor, wie ich unter ihr liege und angreife. Augen auf. Mund auf zum Schrei.
Zu spät.
Sie ist schneller. Weiß es längst. Pinkelt mir in den Mund.
„Ich gebe auf!“, gurgle ich und spucke den seltsam gut schmeckenden Urin aus.
Alf hilft mir hoch. Klopft mir auf den Bauch.
„Gut gemacht, Kleiner. Was hast du gelernt?“
Ich zucke mit den Schultern.
„Ok. Zweiter Kampf!“
Das Möckel erscheint. Ich renne. Springe diesmal vorher hoch. Angriff von oben. Sein federnder Schwanz schleudert mich quer durch die Arena. Ich rolle wie ein Fußballspieler aus und bleibe liegen.
Der kann mich mal, denke ich.
Beim Aufstehen fliegen mir leuchtende Eier entgegen. Ein schriller Ton zwingt mich in die Knie. Eine Mischung aus Kinderlied und Hundejaulen. Die Eier summen leise mit. Ich halte mir die Ohren zu. Schließe die Augen. Denke wieder 4D.
Augen auf.
Stille.
Alf steht vor mir.
„Na? Was gelernt?“
Ich zucke mit den Schultern.
„Gut! Es gibt zwei Lösungen. Entweder die extrem harte Ausbildung zum Master aller Arten…“
Er zieht mich herunter und flüstert:
„… die mehrere Jahre dauert…“
Eine endlose Pause.
„Oder du lässt dich von den zwei Tieren beißen!“
Er brüllt. Schubst mich. Lacht laut. Unheimlich. Endlos.
„Bitte? Ich soll was? Du hast doch nen Knall! Ich lass mich doch nicht beißen! Hast du das Maul von dem Möckel gesehen? Das ist doch ein Witz! Haha… ich werde dabei—“
„Jetzt mach mal halblang!“, kichert er plötzlich. „Halblang! Hihi! Du… wie ich… halblang! Verstehst du?“
Er fällt lachend zu Boden. Ich lache mit. Schlagartig stoppte er. Steht auf. Klopft sich den Dreck vom Fell.
„Keine Angst. Wir nehmen nicht die Großen. Die Jungen. Die Kids. Die beißen dich. Es braucht Zeit, bis du Meister wirst. Es muss wachsen. Gedeihen. Kaspische?“
Ich zucke mit den Schultern.
5
Wir verlassen die Arena, indem wir uns an den Händen halten und gemeinsam in 4D denken. Wir schließen die Augen. Öffnen Sie wieder. Und stehen am Rand eines kleinen Dorfes. Es wirkt wie aus dem wilden Westen. Eine staubige Hauptstraße zieht sich durch die Mitte, rechts und links Holzhäuser und Bretterbuden. Überall herrscht geschäftiges Treiben. Kleine zottelige Zwerge wuseln durcheinander. Männer und Frauen. Die Weiblichen erkennt man an ihren bunten Kopftüchern und den Handtaschen in exakt derselben Farbe.
Auch Tiere gibt es. Große und kleine. Die Pferde sehen aus wie eine Mischung aus Pferd und Fuchs.
Vor uns kommt ein zotteliger Zwerg auf uns zu. In der Hand trägt er eine große Schachtel.
„Hallo, Alf!“, ruft er fröhlich.
Er bleibt stehen und öffnet die Schachtel. Darin sitzen, dicht nebeneinander, viele kleine, unglaublich süße Kätzchen. Sie blinzeln neugierig in die Welt.
„Und? Lust? Ich gebe einen aus!“, fragt Olf.
Alf nickt, greift blitzschnell in die Schachtel und…
ZENSUR!
ZENSUR…
ZENSUR……
ZENSUR………
Ich drehe mich angewidert weg und gehe ein Stück allein durchs Dorf. Es gibt alles, was es bei uns auch gäbe — zur Zeit des wilden Westens. Einen Schmied. Händler. Bars. Restaurants. Einen Sheriff. Und ein Freudenhaus. Zum buschigen Bock steht auf dem Schild.
Hinter mir höre ich Schmatzen. Dann Alf, der zu mir aufschließt.
„Welches Jahr schreibt man hier auf diesem Planeten?“
Alf antwortet ruhig: „1750. Ein paar Jahre vor eurer Zeit, aber technisch weiter. Wir haben Atomkraftwerke. Raketen. Und arbeiten gerade an einem neuen Kraftwerk. Es soll mehr Energie liefern als alle anderen zusammen.“
Alf fasst mich plötzlich von hinten an. Ich bin nicht vorbereitet. Und erlebe den 4D-Sprung mit offenen Augen.
Die Welt verschwimmt. Bretterbuden, Straße und Zwerge verschmelzen zu einer rotierenden Kugel. Zeit pulsiert hinein. Ich sehe Moderne und Vergangenheit zugleich. Junges Leben. Verfall. Tod. Eine Leichtigkeit durchströmt mich. Ich schwebe nach oben. Über den rotierenden Ball.
Dahinter erscheint eine weiße Wand. In ihr ein neuer Ort. Ein Platz voller Tiere. Die alte Kugel huscht unter mir hinweg. Der neue Ort beginnt sich zu drehen. Ich fliege darauf zu. Dann hinein.
Kurz bevor ich den Boden erreiche, zerreißt eine Explosion den Himmel. Ein Pilz. Ein Megapilz. Ein gewaltiger Atompilz.
Dann Ruhe.
Ich bin da.
Ein Gehege mit über zehntausend Tieren. Ein kleiner Zaun vor mir. Dahinter erstrecken sie sich bis zum Horizont. Der 4D-Flug verlief in absoluter Stille. Hier schlägt mir eine ohrenbetäubende Geräuschkulisse entgegen.
Alf schiebt mich nach rechts. Eine kleine Hütte steht dort. Wir gehen hinein. Ein Stuhl. Ich setze mich. Werde fixiert. Meine Arme liegen auf breiten Ablagen. Auch dort werde ich festgeschnallt.
Ein weiterer Zwerg betritt die Hütte. Ulf. In seinen Händen hält er je einen kleinen Ableger der Kautze und des Möckels. Er setzt sie an meine Arme. Sie beißen zu.
Alf hatte recht. Der Schmerz ist auszuhalten. Zwei kleine Bisswunden. Mehr nicht. Eine Veränderung spüre ich noch nicht. Ich werde wieder entfesselt.
„Bleib erst einmal sitzen“, sagt Ulf.
Ich gehorche. Dann fällt mir der 4D-Sprung wieder ein.
„Ich habe eine riesige Atombombenexplosion gesehen. Ich glaube, euer Planet ist dem Untergang geweiht.“
Alf und Ulf sehen sich an. Nicken.
„Ja. Wissen wir“, sagt Alf ruhig. „Können wir nicht viel machen. Das ist der Lauf der Dinge. Selbst wenn wir das neue Kraftwerk nicht bauen, werden wir durch eine Atomexplosion sterben.“
Ich bin sprachlos.
„Wenn ihr das wisst — warum seid ihr dann so ruhig? So gelassen?“
Ulf lacht laut und klopft mir kräftig auf die Schulter.
„4D und Zeitreise. Du hast die Geschenke unter dem Weihnachtsbaum gesehen. Von Bryan und Lynn. Aus der Zukunft. Alf war nach der Zerstörung unseres Planeten auf der Erde. Weil wir die 4D-Technik beherrschen, springen wir ständig durch die Zeit. Immer in Schritten von fünfzig Jahren. Unsere Spezies entwickelt sich weiter. Wir müssen keine Angst vor der Zukunft haben.“
Klingt plausibel, denke ich.
Ich beginne laut zu lachen. Alf und Ulf nicken zufrieden.
„Fängt an zu wirken!“, sagt Ulf und geht hinaus.
Auch Alf — dessen Gedanken ich eben lesen durfte — verlässt mich. Ich fühle mich stark. Fabelhaft. Unbesiegbar.
Ich stehe auf.
Die Welt beginnt sich zu drehen. Schwindel packt mich. Ich setze mich sofort wieder.
Dann schlafe ich ein.
6
Wieder träume ich. Wirr. Von Leben und Tod. Ich höre Stimmen. Wehlaute. Ich spüre den Traum. Meine Adern schmerzen, als würde Blut durch sie brennen. Vor mir steht ein Baum. Eine mächtige Eiche. Aufrecht. Stramm. Stark. Mein Blick wandert hinauf zu den Ästen, weiter in die Zweige, bis in die Spitzen.
Der Baum bin ich.
Ich bin riesig. Ich überblicke das Land. Sehe das kleine Dorf. Die Alfs. Die Olfs. Die Ulfs. Und die weiblichen Alfis, Olfis und Ulfis. Ich sehe eine Katzenplantage. Schaue hinab. Unter mir eine Herde Tiere. Kautzen und Möckel.
Ich habe Durst.
Ich sterbe.
Meine Zweige sinken. Keine Kraft mehr in mir. Ich brauche Flüssigkeit. Viel Flüssigkeit. Dann spüre ich etwas. Nässe. Jemand… ich schaue hinunter. Ein Möckel pinkelt gegen meinen Stamm. Eine Kautze folgt ihm. Ich sauge. Ziehe die Pisse in mich hinein. Es fühlt sich gut an. Sehr gut. Ich ziehe die Flüssigkeit nach oben. Doch es ist zu wenig.
Ich raschle mit meinen Zweigen. Ich gebe den Tieren zu verstehen, dass ich mehr brauche.
Und sie kommen.
Alle kommen.
Alle pissen gegen meinen Stamm. Wie bei der Beerdigung von Lenin bildet sich eine kilometerlange Schlange. Jeder will an den Baum. Jeder will mich anpissen. Ich ziehe den Saft in mir hoch. Immer mehr. Durch den Stamm, in die Äste, in die Zweige, bis in die Spitzen. Es fühlt sich großartig an. Ich beginne zu blühen. Kleine weiße Blüten brechen aus den Knospen. Ich blühe. Ziehe den Saft in die Blüten. Früchte entstehen.
Eier.
Kleine, bunte, leuchtende Eier.
Ich bin ein Baum voller Licht.
Die Pisse verdickt meine Rinde. Macht sie stark. Der Saft lässt mich wachsen. Höher und höher. Bis in den Himmel. Durch die Wolken. Ich sehe die Sonne. Ich sehe das Ende.
Ich sehe—
Ich wache auf.
Ich liege in der Bretterbude. Die Tiere draußen sind ohrenbetäubend laut. Ich höre alles. Der Wind. Das Gras, das sich darin neigt. Die Holzwürmer unter dem Stuhl. Ich stehe auf. Meine Beine tragen mich sicher. Etwas hat sich verändert.
Ich schließe die Augen. Denke 4D.
Auf einer weißen Wand erscheinen alle Ziele zugleich. Ich zoome in eines hinein: Alf. Er ist gerade wieder dabei, eine Katze…! Ich wechsle das Bild. Sehe das Bordell. Zwei behaarte Zwerge ineinander verknotet. Wie ein Wollknäuel. Kaum zu erkennen, wer wer ist. Ich lache. Sehe den Saloon. Der Sheriff. Das Atomkraftwerk. Und auf einem Hügel eine Höhle.
Wahrscheinlich die, aus der ich gekommen bin, denke ich.
Ich denke — und wusch — bin ich dort.
Alf schaut mich an. Fragend. Aus seinem Mund hängt noch ein weißer flauschiger Schwanz.
„Was machst du noch hier?“, fragt er.
Ich bin verwirrt. „Dachte, wir trainieren noch einmal?“
„Nee, mein Freund. Nicht mehr nötig. Du kannst jetzt alles. Ich wünsche dir ein schönes Leben.“
Er dreht sich um und geht. Einfach so. Lässt mich allein auf der staubigen Straße stehen.
„Okay“, sage ich. „Dann los.“
4D. Weiße Wand. Höhle.
Wusch.
Ich stehe auf dem Berg. Gehe in die Höhle. Es wird dunkler. Ich setze mich. Auf dem Boden steht eine kleine Schüssel. Darin Gulasch. Daneben Eierpunsch. Ich esse. Ich trinke.
Ich schlafe ein.
Anders als zuvor ist dieser Traum traumlos. Nur ein krampfartiges Ziehen im Magen. Es breitet sich langsam aus. Ich falle in ein Delirium. Ein Delirium im Traum ist eine andere Art von Traum: Man träumt den Schmerz. Normalerweise wacht man vorher auf. Hier verbindet sich der reale Schmerz mit der Traumwelt. Ich fühle, wie mein Inneres wieder zum Äußeren wird.
Ich wache auf.
Ich liege neben der Schatzkiste. In der Halle der Grotte. Noch benebelt schaue ich mich um. Sehe den Schatz. Stehe auf. Laufe darüber. Keine Schmerzen mehr. Alles ist anders. Auch das Licht ist schwächer. Wer weiß, wie lange ich auf Melmac war.
Ich gehe zum Wasser. Schwimme durch den Tunnel hinaus. Auf halbem Weg denke ich an frische Luft. An den süßen Duft von Wiesen. Blumen. Bienen und Hummeln, die Nektar sammeln. Im Hintergrund ein perfekter Sonnenuntergang.
Ich stelle mir alles genau vor.
Und bin nicht überrascht, plötzlich auf einer Wiese zu liegen.
„Es klappt also auch hier!“, rufe ich und lache.
Ich springe.
4D.
Von Wiese zu Wiese. In Blumenfelder. Ich rieche an ihnen. Bleibe im Gras liegen. Dann kehrt der Ernst zurück.
Ich springe auf einen Berg.
Unter mir hunderttausend Menschen.
Ich stoße einen schrillen, gewaltigen Schrei aus. Die Kameras der Helikopter schwenken zu mir. Sie erfassen mich. Ich sehe meinen Körper auf riesigen Leinwänden. Die Menge jubelt. Ich hebe die Arme.
Der Jubel wird lauter.
Ich bin bereit.
Wir sind bereit.
7
So begebe ich mich mit ein paar Freiwilligen in die Town, um dem Schrecken ein Ende zu bereiten. Die Armee hat, während ich in der Höhle war, weiterhin die Stellung gehalten.
Wir erreichen die Stadt.
Eine einzige Verwüstung. Autos liegen auf dem Kopf oder auf der Seite. Manche brennen. Häuser auch. Einige bis auf die Grundmauern nieder gewalzt. Straßen sind aufgerissen, Brücken zerstört. Auf einem Spielplatz schaukelt eine einzelne Schaukel im Wind.
Wir passieren einen Trupp Soldaten.
„Wo ist Horst?“, frage ich.
Einer zuckt mit den Schultern. Der andere reicht mir ein Handy. Ich halte es ans Ohr.
„Horst befindet sich im Stadtpark. Er zerstört hier alles. Reißt Bäume aus dem Boden. Ganze Wiesen sehen aus wie umgepflügte Äcker.“
Ich gebe das Handy zurück, winke den anderen zu und wir gehen tiefer in die Stadt. Wahrzeichen der Menschen — verloren. Hoffnung — zerschlagen. An allen Ecken schlagen Krane zu. Zerreißen Stahl und Stein. Hochhäuser sind verschwunden. Fenster zersplittert. Überall Glas. Die Sonne bricht sich darin und blendet uns.
Wir sind zu zehnt.
Wir laufen durch die Straßen, überwinden Trümmer und kommen dem Stadtpark näher.
Dann sehe ich ihn.
Horst.
Groß. Mächtig.
„Ich verschaffe mir einen Überblick. Bleibt hier“, sage ich.
Wusch — und ich bin verschwunden.
Meine Freunde starren auf die Stelle, an der ich eben noch stand. Ich fliege durch den weißen Raum, auf eine rotierende Kugel zu. Tauche hinein. Boden. Realität. Und er steht vor mir:
Ein Koloss von einem Kran. Edel. Gewaltig. Er schwingt gerade einen Baum gegen Soldaten und Reporter, als er mich bemerkt.
Ohne zu wissen, wer ich bin, schleudert er den Baum nach mir. Ich weiche aus. In 4D. Und stehe plötzlich hinter ihm. Er dreht sich und lacht. Ein blechernes, schneidendes Lachen.
„Meeeeeiiiiiin Freeeeeeeeund! "Duuuuuuu biiiiiiist luuuuuustiiiiiiiig!“
Dann wird der Kran durchsichtig.
Und verschwindet.
„Ach du Schreck“, denke ich — und spüre ihn über mich. Ich reiße mich in den 4D-Raum.
Er kann das auch.
Fassungslos wähle ich eine ferne Kugel und stürze hinein.
Warum ausgerechnet Buxtehude — keine Ahnung. Vor mir steht ein kleiner Baukran. Er bemerkt mich. Ich nutze die Sekunden, um zu üben. Um meine neuen Fähigkeiten zu begreifen.
Ich gehe in mich hinein. Suche Kraft. Einen Zugang. Und finde etwas. Ein Pulsieren. Ich berühre es mit dem Geist.
Augen auf.
Mein Hals ist hundert Meter lang. Mein Körper winzig.
„Keine Ahnung, was mir das bringen soll.“
Augen wieder zu. Da ist ein Licht. Ich drücke.
Augen auf.
Ein Krokodilsschwanz hängt an meinem Körper.
„Okay.“
Ich schwinge mich im Kreis und treffe den Baukran. Metall kreischt.
Währenddessen landet Horst auf dem Boden. Wütend. Auf sich. Auf die Welt. Auf Melmac. Auf Alf, Olf und Ilf.
Es gab einen Pakt.
Einen Pakt der Ehre.
Einen Katzen-Menschen-Deal.
Sollten auf der Erde eines Tages keine Drachen mehr existieren, würde der Handel beginnen: ein Austausch verlorener Seelen. Menschen gegen Katzenseelen. Der alte Drache kam alle hundert Jahre. Tötete ein oder zwei Menschen. Entseelte Schiffe, kleine Orte. Die Seelen flogen nach Melmak, wurden zu Katzenseelen gezüchtet und verzehrt. Beim Verzehr kehrten sie zurück zur Erde. Der Drache fraß sie. Und sie verwandelten sich wieder in Menschenseelen. Sein Blut. Seine Kraft.
Je mehr Seelen in seinen Adern, desto stärker wurde er.
Doch etwas lief falsch.
Menschen starben durch Menschen. Diese Seelen waren ungenießbar. Wertlos. Und so dauerte es Jahrhunderte, bis die Drachenseele stark genug war, um in den Kran zu wandern.
Heute hat er verstanden:
Der Pakt ist gebrochen.
Die Seelen kehren nicht zurück.
Und schlimmer noch — die Alfs und Olfs und die Ilfs haben einen Menschen erschaffen.
Einen Gegenpart.
Ein Feind.
Der Baukran fliegt quer über den Dorfplatz von Buxtehude, kracht in eine unversehrte Eisdiele und zerschmettert die Fensterfront. Verbogen. Zerrissen. Er bleibt stecken und stirbt dort an seinen Verletzungen.
„Ja!“, schreie ich und reiße die Faust hoch wie Rocky.
Ein goldenes Ei schießt aus meiner Hand. Zischt in den Himmel. Ich warte auf eine Explosion.
Nichts.
Eine kleine Enttäuschung mischt sich in meine Freude.
Weil ich laut war, kommen weitere Krane aus allen Straßen. Ich bleibe stehen. Atme. Suche den Tiger in mir.
Und finde ihn.
Schnell. Präzise. Wild.
Ich laufe im Kreis und zerlege die Maschinen in Sekunden. Aus meinem rechten Arm wächst eine gewaltige Pranke. Meine Hand ist verschwunden.
Ich betrachte das Ergebnis. Denke 4D. Suche Horst auf der weißen Leinwand. In den rotierenden Welten.
Nichts.
Ich finde ihn nicht.
Also springe ich zurück zu meinen Freunden. Drücke den Ball mit meinem Geist.
Wusch.
Ich lande auf roten, schmierigen Boden.
„Dieses dumme, fiese Arschloch!!!“, schreie ich in die Welt —
und reiße mich erneut in den 4D-Raum.
8
Ich springe. Von einer Kugel in die nächste. Hinein. Wieder hinaus. Ab und zu ein Treffer.
Horst.
Berlin. Er sieht mich — und springt weg.
Ich suche im Raum. Nichts. London. Belfast. München. Immer zu spät. In New York metzle ich drei Krane nieder. Am Times Square. Die Tribüne ist rot. Rot vom Blut der Opfer. Amerikaner. Vereinzelte Touristen, die sich verhalten, als gäbe es keine Gefahr. Ignoranz schützt nicht vor Dummheit.
Ich springe nach Japan. Tokio. Rom. Die Pyramiden.
Immer zu spät.
Ich erinnere mich an Melmac. Auch dort war ich zu langsam. Meine Taktik muss sich ändern.
Ich ziehe mich in den 4-dimensionalen Raum zurück. Mache mich klein. Sehr klein. Suche eine enge Falte im Raum und setze mich hinein. Ich denke über Zeit nach. Über Regionen. Über Linien. Ich stelle mir alles als Blatt Papier vor — und falte es. Lege die Welt in meinem Geist übereinander. Portale entstehen.
Ich wachse wieder. Springe.
Ich bin an zwei Orten gleichzeitig.
Hinter mir der Eiffelturm. Vor mir die Niagarafälle. Die Sonne über meiner Schulter. Feiner Wasserstaub funkelt im Regenbogenlicht. Farben umhüllen den Turm. Auch die Häuser glühen bunt. Ich fühle mich geborgen. Frei. Liebe liegt in der Luft. Alles andere verliert an Bedeutung.
Hier ist Vollkommenheit.
Doch ich bleibe nicht.
Zurück in den Raum. Papier falten. Springen.
Ich stehe im Louvre. Über mir blauer Himmel statt Decke. Ich rieche Salz. Höre das Meer. Neben der Mona Lisa wächst eine Palme, Affen springen durch ihre Blätter. Links ein Nashorn. Ich drehe mich um.
Alf.
In seiner Hand eine kopflose Katze.
„Hunger?”
Hinter ihm ein Flughafen. Hubschrauber. Flugzeug. Unter meinen Füßen arktisches Eis.
Puh.
Ich springe zurück.
Falte. Springe. Acht Welten. Zurück. Falte. Sechzehn. Zweiunddreißig.
In der fünfundsechzigsten Welt sehe ich ihn.
Horst.
Alle Straßen der Erde existieren hier zugleich. Vögel schreien ohrenbetäubend ihre Lieder. Ich schwebe hundert Meter über dem Boden. Vor mir entfalten sich alle Orte gleichzeitig: Wüsten. Städte. Berlin. Washington. Regen. Sonnenaufgang. Sturm in der Karibik. Ein perfekter Sonnenuntergang.
Das ganze Leben.
Pinguine sitzen neben Löwen. Kilometer voneinander entfernt — und doch nebeneinander. Keiner weiß vom anderen. Überall Bewegung. Überall Existenz.
Hinter mir ragt der K2. Endlos. Seine Spitze verschwindet im Himmel. Menschen laufen selbst dort noch umher. Solange sie leben.
Und ganz hinten sehe ich Horst.
Ich sehe seine Sprünge. Malle. Amsterdam. Eine Spur der Verwüstung. Er hat mich noch nicht bemerkt.
Ich bleibe in der Luft stehen. Meine Hände kreisen wie die eines Shaolin-Kämpfers. Zwischen ihnen beginnt es zu blitzen. Kleine Funken springen von Handfläche zu Handfläche, sammeln sich in der Mitte. Ein pulsierender Kern entsteht. Erst ein Punkt. Dann Licht.
Es ist ein Ei.
Ein Ei aus Blitzen. Farbwechselnd. Lebendig.
Ich ziehe die Kraft des Tigers hinein. Die Stärke des Krokodils. Die Größe der Giraffe. Alles fließt in das Ei. Es wächst. Es wird schwer. Knistern erfüllt die Luft.
Bowlingkugel groß.
Ich ziehe es neben meinen Körper. Suche Horst. Und schleudere es los.
Das Ei fliegt.
Über Seen. Durch Wüsten. Über glühende Dünen. Durch Dschungel. An einer Schlange vorbei. Durch Schneisen der Abholzung. Russische Steppe. Unter Brücken hindurch. Knapp über Flüsse.
Ich bin mit ihm verbunden. Ich sehe durch seine Bewegung. Fühle seine Bahn. Horst springt weiter. Tötet. Verschwindet. Taucht auf. Ein rastloser Wahn. Ich lenke das Ei. Es ist Teil meines Körpers.
Porto.
Horst hält inne. Schaut in meine Richtung. Sieht mich nicht.
Ich schreie.
Er hört mich. Erstarrt. Furcht flackert in seinem Stahl. Wir sehen uns.
Ich lenke ihn ab. Das Ei kommt von hinten. Rechts vorbei. Uns trennen fünfhundert Meter. Er schlägt aus dem Cockpit eine Feuerwelle. Zu spät.
Das Ei trifft seinen Hals.
Der Einschlag zerreißt die Erde. Beben durchziehen die Welt. Tigerkraft. Krokodil Gewalt. Giraffen Ausdauer. Der Kran zerbricht. Stahl fliegt wie Regen. Die alte Drachenseele stirbt sofort.
Kein Zucken. Kein Drama.
Ende.
Mit ihm sterben die anderen Krane. Die Welt ist frei. Die Gefahr vorbei.
Jetzt beginnt das Aufräumen.
Ich verlasse den Raum. Lande bei meinen hunderttausend Menschen. Und verkünde die frohe Botschaft.
Ende.